Schriftzug "Find the Gap" am Boden einer U-Bahn-Station

Heute möchte ich einen Gedanken von Viktor Frankl teilen, den ich für sehr bedeutsam halte:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.
In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.
In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Viktor Frankl

Ich arbeite mit Führungskräften im Kontext von Veränderung ihrer Organisation. Wir nehmen uns Zeit für die Diskussion der Herausforderungen und möglicher Lösungen. In einer konzentriert-entspannten Atmosphäre mit Abstand zum Tagesgeschäft gelangen die Führungskräfte regelmäßig zur Erkenntnis und Einsicht, dass sie ihr eignes Verhalten verändern müssen, wenn Veränderungsvorhaben gelingen sollen; dass Micromanagement kontraproduktiv ist; dass Sie Entscheidungsmacht abgeben wollen, etc.

Dann kehren sie in Ihren Arbeitsalltag zurück, der von Stress und Druck geprägt ist. Und wenn dann die Reflektiertheit und der Abstand fehlen, verfallen sie in ihre alten, lang eingeübten Verhaltensmuster zurück. Sie sind Reizen ausgesetzt (Fehler passieren, Mitarbeiter machen Dinge anders, Kunden beschweren sich) und ihre Reaktion erfolgt automatisch – Micromanagement, Durchregieren, Kontrollieren. Das widerspricht dann oft dem, was beabsichtigt war und verlautbart wurde.

Ich kenne das auch aus dem Zusammenleben mit Teenagern. Sie haben die Gabe, Reize zu setzen, die bei Eltern automatisiert Reaktionen auslösen, die wenig hilfreich sind. Und in mancher Paarbeziehung ist es ähnlich: Wer sich gut kennt, weiß beim anderen die roten Knöpfe zu drücken. Aber:

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.
In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.
In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

Es gilt, die Lücke zu finden zwischen Reiz und Reaktion. Diesen Raum, in dem wir bewusste, an unseren Zielen ausgerichtete Entscheidungen treffen können!

Welche Reize lösen bei dir automatische Reaktionen, die du gar nicht wirklich willst?
Wie kannst du die Lücke finden?


Schreib es in die Kommentare!

Das Wort Cgangemaßnahmen liegt in einem Sieb

Im letzten Jahr durfte ich unterschiedliche Unternehmen bei Transformations- oder Changeprozessen begleiten. Und da kommen immer wieder die unterschiedlichsten Ideen und Maßnahmen auf den Tisch. Aber welche funktionieren und welche nicht?

Bei Lars Vollmer habe ich einen schönen Gedanken gefunden, der mich an die drei Siebe des Sokrates erinnert. (Wer die drei Siebe des Sokrates nicht kennt, siehe ganz unten). Lars Vollmer schlägt eine Heuristik vor, die dabei helfen soll, eine schnelle erste Einschätzung zu erhalten, ob eine konkrete Changemaßnahme hilfreich oder sogar schädlich ist:

Das erste Sieb: Worauf zielt die Maßnahme ab?

Adressiert sie

  • das Verhalten von Menschen,
  • die Unternehmenskultur oder
  • Strukturmerkmale der Organisation?

Wenn die Maßnahme das Verhalten von Menschen im Fokus hat, wird sie sehr wahrscheinlich unwirksam sein, weil sich das Verhalten der Mitarbeitenden stets an den geltenden Rahmenbedingungen im Unternehmen orientiert. Apelle funktionieren nicht.
Wenn sie die Unternehmenskultur adressiert, ist sie wahrscheinlich sogar destruktiv und führt zu Zynismus. Die proklamierte Zielkultur steht im Widerspruch zu den Rahmenbedingungen im Unternehmen. Das Ergebnis ist, dass Mitarbeitende Theater spielen und hintenrum das tun, was sie immer schon taten. Unternehmenskultur lässt sich nicht direkt verändern. Sie folgt dem Handeln, ist immer nur ein Ergebnis.

Nur wenn die Maßnahme Strukturmerkmale (z.B. Managementpraktiken, Entscheidungsprozesse, etc.) adressiert, also das System selbst beeinflusst, geht sie durch dieses Sieb und hat eine Chance auf Wirksamkeit.

Das zweite Sieb: Beseitigt die Maßnahme Hindernisse der Wertschöpfung?

Wenn die Maßnahme nicht dazu beiträgt, den Kundennutzen zu erhöhen, die Wertschöpfung zu verbessern oder zu beschleunigen, dann hat die Maßnahme bestenfalls einen Einfluss auf die Sozialhygiene. Nur wenn Hindernisse der Wertschöpfung beseitigt werden, schafft es die Maßnahme durch das zweite Sieb.

Das dritte Sieb: Steht die Grundüberzeugung der Maßnahme im Widerspruch zu Grundannahmen anderer Maßnahmen oder Praktiken im Unternehmen?

Ist das nämlich der Fall, dann ist die Wahrscheinlich sehr groß, dass die Maßnahme wirkungslos verpufft. Bekannte und eingefahrene Verhaltensweisen und Muster haben eine überraschende Resistenz gegenüber Veränderungen. Im Zweifel stechen die alten, widersprüchlichen Grundannahmen die neue. Nur wenn die Maßnahme nicht im Widerspruch zu anderen Praktiken steht, kann sie das dritte Sieb passieren und hat eine Aussicht auf Erfolg. Will ich die neue Maßnahme umsetzen, kann das bedeuten, dass ich mich von anderen Praktiken trennen muss.

Vor der Einführung einer neuen Change-Maßnahme oder einer Managementpraktik aus dem New-Work-Bereich der kann es sehr hilfreich sein, sich diese drei Fragen zu stellen.

Welche Change-Maßnahmen in deinem Unternehmen sind kontraproduktiv und durch welches der drei Siebe würden sie es nicht schaffen? Schreib sie in die Kommentare oder schreib mir!


Zu den drei Sieben des Sokrates gibt es diese Geschichte:
Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und war voll Aufregung: „Höre, Sokrates, das muss ich dir erzählen, wie dein Freund …“ „Halt ein!“, unterbrach ihn der Weise, „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Drei Siebe?“, fragte der andere voll Verwunderung. „Ja, guter Freund. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“
„Nein, ich hörte es erzählen und …“
„Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht als wahr erwiesen -, so doch wenigstens gut?“
Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil …“
„Hm“, unterbrach ihn der Weise, „so lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt!“
„Notwendig nun gerade nicht …“
„Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut, noch notwendig ist, so laß es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“
Sie wird Sokrates übrigens nur zugeschrieben. Es gibt auch eine Version, die Rumi, dem persischen Sufi-Mystiker, zugeschrieben wird. Dort sind es die drei Tore der Wahrheit: Bevor du sprichst, lasse deine Worte durch drei Tore schreiten. Beim ersten Tor frage: „Sind sie wahr?“ Am zweiten frage: „Sind sie notwendig?“ Am dritten Tor frage: „Sind sie freundlich?“