Dieses Buch hätte ich selbst gerne geschrieben. Andererseits haben Gesine Engelage-Meyer und Sonja Hanau ein so gutes Werk abgeliefert, dass ich mich neidlos darüber freuen kann und es direkt auf die Literaturliste meiner Kundinnen und Kunden setze.

„Mit hybriden Teams mehr erreichen – Werkzeuge, Methoden und Praktiken für gelungene Zusammenarbeit auf Distanz“ gibt Orientierung und ist das richtige Buch zur aktuellen Zeit, in der in vielen Unternehmen darüber verhandelt wird, wie eine Zusammenarbeit nach Lockdowns und Homeofficepflicht funktionieren kann. Eines ist klar: Genauso wie früher wird es nicht mehr werden.

Die Autorinnen arbeiten sehr gut heraus, welche Vorteile hybride Teams haben und dass es dabei um mehr geht als nur um hybride Meetings. Das Modell, das sie vorschlagen,  ist einfach, nachvollziehbar und praktikabel. Dazu tragen auch die guten Illustrationen bei.

Neben sechs Modulen für die Team-Zentrale hybrider Teams (Warum, Werkzeuge, Strukturen, Methoden, Rituale und Kultur) schlagen sie sechs Praktiken für das tägliche Gestalten vor (Fokussieren, Partizipieren, Visualisieren, Digitalisieren, Zentralisieren und Reflektieren), um dann auf die Besonderheit hybrider Meetings einzugehen und Gedanken zum Change zu teilen. Das ist der einzige Abschnitt, den ich anders geschrieben hätte. Ansonsten finde ich in diesem Buch viele Ansätze, Modelle und Praktiken wieder, die auch ich in der Arbeit mit meinen Kunden und Kundinnen erfolgreich einsetze. Eine klare Empfehlung.

Mit hybriden Teams mehr erreichen
Werkzeuge, Methoden und Praktiken für gelungene Zusammenarbeit auf Distanz

von Gesine Engelage-Meyer und Sonja Hanau

Paperback, 264 Seiten, erschienen 2022 bei Business Village

https://amzn.to/3w1y8Sg

Das Wort Cgangemaßnahmen liegt in einem Sieb

Im letzten Jahr durfte ich unterschiedliche Unternehmen bei Transformations- oder Changeprozessen begleiten. Und da kommen immer wieder die unterschiedlichsten Ideen und Maßnahmen auf den Tisch. Aber welche funktionieren und welche nicht?

Bei Lars Vollmer habe ich einen schönen Gedanken gefunden, der mich an die drei Siebe des Sokrates erinnert. (Wer die drei Siebe des Sokrates nicht kennt, siehe ganz unten). Lars Vollmer schlägt eine Heuristik vor, die dabei helfen soll, eine schnelle erste Einschätzung zu erhalten, ob eine konkrete Changemaßnahme hilfreich oder sogar schädlich ist:

Das erste Sieb: Worauf zielt die Maßnahme ab?

Adressiert sie

  • das Verhalten von Menschen,
  • die Unternehmenskultur oder
  • Strukturmerkmale der Organisation?

Wenn die Maßnahme das Verhalten von Menschen im Fokus hat, wird sie sehr wahrscheinlich unwirksam sein, weil sich das Verhalten der Mitarbeitenden stets an den geltenden Rahmenbedingungen im Unternehmen orientiert. Apelle funktionieren nicht.
Wenn sie die Unternehmenskultur adressiert, ist sie wahrscheinlich sogar destruktiv und führt zu Zynismus. Die proklamierte Zielkultur steht im Widerspruch zu den Rahmenbedingungen im Unternehmen. Das Ergebnis ist, dass Mitarbeitende Theater spielen und hintenrum das tun, was sie immer schon taten. Unternehmenskultur lässt sich nicht direkt verändern. Sie folgt dem Handeln, ist immer nur ein Ergebnis.

Nur wenn die Maßnahme Strukturmerkmale (z.B. Managementpraktiken, Entscheidungsprozesse, etc.) adressiert, also das System selbst beeinflusst, geht sie durch dieses Sieb und hat eine Chance auf Wirksamkeit.

Das zweite Sieb: Beseitigt die Maßnahme Hindernisse der Wertschöpfung?

Wenn die Maßnahme nicht dazu beiträgt, den Kundennutzen zu erhöhen, die Wertschöpfung zu verbessern oder zu beschleunigen, dann hat die Maßnahme bestenfalls einen Einfluss auf die Sozialhygiene. Nur wenn Hindernisse der Wertschöpfung beseitigt werden, schafft es die Maßnahme durch das zweite Sieb.

Das dritte Sieb: Steht die Grundüberzeugung der Maßnahme im Widerspruch zu Grundannahmen anderer Maßnahmen oder Praktiken im Unternehmen?

Ist das nämlich der Fall, dann ist die Wahrscheinlich sehr groß, dass die Maßnahme wirkungslos verpufft. Bekannte und eingefahrene Verhaltensweisen und Muster haben eine überraschende Resistenz gegenüber Veränderungen. Im Zweifel stechen die alten, widersprüchlichen Grundannahmen die neue. Nur wenn die Maßnahme nicht im Widerspruch zu anderen Praktiken steht, kann sie das dritte Sieb passieren und hat eine Aussicht auf Erfolg. Will ich die neue Maßnahme umsetzen, kann das bedeuten, dass ich mich von anderen Praktiken trennen muss.

Vor der Einführung einer neuen Change-Maßnahme oder einer Managementpraktik aus dem New-Work-Bereich der kann es sehr hilfreich sein, sich diese drei Fragen zu stellen.

Welche Change-Maßnahmen in deinem Unternehmen sind kontraproduktiv und durch welches der drei Siebe würden sie es nicht schaffen? Schreib sie in die Kommentare oder schreib mir!


Zu den drei Sieben des Sokrates gibt es diese Geschichte:
Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und war voll Aufregung: „Höre, Sokrates, das muss ich dir erzählen, wie dein Freund …“ „Halt ein!“, unterbrach ihn der Weise, „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Drei Siebe?“, fragte der andere voll Verwunderung. „Ja, guter Freund. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“
„Nein, ich hörte es erzählen und …“
„Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht als wahr erwiesen -, so doch wenigstens gut?“
Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil …“
„Hm“, unterbrach ihn der Weise, „so lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt!“
„Notwendig nun gerade nicht …“
„Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut, noch notwendig ist, so laß es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“
Sie wird Sokrates übrigens nur zugeschrieben. Es gibt auch eine Version, die Rumi, dem persischen Sufi-Mystiker, zugeschrieben wird. Dort sind es die drei Tore der Wahrheit: Bevor du sprichst, lasse deine Worte durch drei Tore schreiten. Beim ersten Tor frage: „Sind sie wahr?“ Am zweiten frage: „Sind sie notwendig?“ Am dritten Tor frage: „Sind sie freundlich?“

Am 23. Mai 2021 starb Frithjof Bergmann, der den Begriff „New Work“ in den 1980er-Jahren geprägt hat. Die heutige Verwendung des Begriffs im Mainstream hat nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Konzept zu tun.  In diesem Vortrag gibt Bergmann selbst eine Einordnung zur Geschichte und Zukunft seiner Neuen Arbeit.